Europäisches Kinder- und Jugenddenkmal

Eröffnung: Sonntag, 06. Mai 2001

10.00 Uhr Gedenkfeier anlässlich der Errichtung des europäischen Jugenddenkmales. mit: Hans Marsalek, Vorsitzender Österr. Lagergemeinschaft Mauthausen Willi Mernyi, Vorsitzender Mauthausen Aktiv Österreich Martina Fürpass, Österr. Bundesjugendring.  Pressegespräches mit der Künstlerin Angela Zwettler.

Willi Mernyi, Vorsitzender MAÖ:

"Die Grundidee liegt in einem lebendigen Denk-mal, das in sich wächst und damit verbildlicht, dass wir niemals vergessen werden, dass wir über alle Grenzen hinweg, eine gemeinsames Zeichen für unsere Zukunft setzen: Niemals wieder!" Die BesucherInnen der Gedenkstätte sind eingeladen Murmeln als Zeichen der Solidarität mitzubringen. Die Murmeln - ein einfaches Kinderspielzeug, werden in einer Vitrine direkt am Denk-mal gesammelt, als lebendiges Zeichen, dass der Widerstand gegen Nationalsozialismus, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit & Rassismus wächst"

 

Konzept, Modell und Gesamtleitung: Angela Zwettler

Architektur: Claudia Dietl

Holzskulptur: TOWANDA Frauentischlerei, Linz

Schmiede- und Schweißarbeiten Skulptur: Lisa Steininger Schlosserin, in Zusammenarbeit mit Walfried Huber

Foto Schauckelbrett: Emmerich Gratzl

Mosaike: Claudia Graf und Angela Zwettler

 

Das Kinder- und Jugenddenkmal ist vor dem Gedenkstein der Jüdischen Jugend das Letzte im Denkmal/Gedenkstätten Bereich in Mauthausen. Es befindet sich neben den Weg, der in den ehemaligen Steinbruch führt, in der Nähe der so genannten Todesstiege. Wenn die BesucherInnen von hinten in den Denkmalbereich kommen, fällt der Blick direkt darauf.

In Zentrum des Arrangements steht eine große stilisierte Mädchenskulptur aus Akazienholz und geschmiedetem Eisen. Verschiedene Elemente, Symbole, Texte und Bilder ergeben einen begehbaren gepflasterten Innenraum, der zum Sich-Hineinbegeben, zum Betrachten, Begreifen und zum Verweilen einlädt. Die Betrachtungsgröße ist an jungen Menschen angepasst, eine mögliche Assoziation, ein Spielplatz irritiert und macht betroffen. 

Die gewünschte Mitgestaltungsmöglichkeit der aktiven BetrachterInnen am Denkmal, wird durch das Einwerfen einer Murmel oder einer Mitteilung in die Glasvitrine ermöglicht. Das so gesammelte Material wird in die zukünftige Neugestaltung des Bodens, auf dem die Skulptur sitzt, eingebaut. Durch die konzipierte Veränderbarkeit schließt es nicht an der Tradition der Denkmäler in Mauthausen an.

Es ist das Bemühen, ein Stück eigene Betroffenheit beim Besuch des Konzentrationslagers, aktuelle Zeitgeschichte und die so genannte Vergangenheit abzubilden und weiterzutragen.

 

Text zum Denkmal Angela Zwettler 2001

Jüdische-,  Sinti- und Roma- Kinder und Jugendliche; sogenannte behinderte, homosexuelle, psychisch kranke Kinder und Jugendliche; in diesem System „nicht angepasste“ junge Menschen, wurden ermordet, als menschliche Versuchsobjekte missbraucht, gefoltert, vergewaltigt und auf das Äußerste gequält. In meinen Recherche bin ich auch auf Berichte über junge Menschen gestoßen, die in dieser Zeit eine starke Wehrhaftigkeit und eine bewundernswerte Zivilcourage an den Tag legten. Sie waren dadurch massiv bedroht und   viele von ihnen wurden in Konzentrations- oder Internierungslager verschleppt, eingesperrt und ermordet. Dieses Denkmal ist all den Kindern und Jugendlichen gewidmet.

Das Denkmal

Das Kinder- und Jugenddenkmal ist vor dem Gedenkstein der Jüdischen Jugend das Letzte im Denkmal/Gedenkstättenbereich in Mauthausen. Der Platz (ca 20 m2) ist leicht nach rechts gedreht. Es befindet sich neben dem  Weg der in den ehemaligen Steinbruch führt. Wenn die BesucherInnen von dort über die sogenannteTodesstiege in den Denkmalbereich kommen, fällt der Blick direkt darauf.In Zentrum des Arrangements steht eine große Skulptur.Verschiedene Elemente, Symbole, Texte und Bilder ergeben einen begehbaren gepflasterten Innenraum, der zum Sich-Hineinbegeben, zum Betrachen, Begreifen und zum Verweilen einlädt. Er erinnert an einen Kinderspielplatz.Die gewünschte Mitgestaltungsmöglichkeit der aktiven BetrachterInnen am Denkmal, wird durch das Einwerfen von Murmeln oder einer Mitteilung in die Glasvitrine ermöglicht. Das so gesammelte Material wird in eine zukünftige Neugestaltung des Denkmalbodens verwendet. Durch die konzipierte Veränderbarkeit schließt es nicht an die Tradition der Denkmäler in Mauthausen an.

Die Skulptur

Material: Akazienholz, geschmiedetes Blech

6 Meter lang, 2 Meter hoch, 1 Meter breit

Zentralpunkt im Denkmal ist eine stilisierte Mädchenfigur. Der nach hinten gezogene Rücken zeigt eine äußerst angestrengte Haltung an, die Beine sind lang und dünn. Der Blick  richtet sich zu den kindlichen BetrachterInnen. Der äußere Teil der Skulptur ist aus Akazienholz. Die natürlich helle Farbe des Holzes wird sich mit der Zeit ins Gräuliche verändern. Das geschmiedete Eisenblechteil in der Mitte der Skulptur liegt schwer auf dem Holz auf. Es will die untragbare Situation der Kinder „erahnen“, wo – wie ich mir wünsche – die Schmerzen und die erlebte  Verachtung von den Betroffenen, durch die Hohlform des Eisenteiles, abfließen soll.

Schaukel

Material: Akazienholz, Eisen, Plexiglas

2,5 Meter hoch, 2 Meter breit

Hinter der Skulptur, ihrem Blickfeld entzogen, steht eine zweibeinige Schaukel. Das Schaukelbrett ist nach oben gezogen und so kann von einem Kind nicht erreicht werden. Es symbolisiert die erlebten und ersehnten Träume von Kindern vor dem Grauen des Nationalsozialismus. Es steht für „das Spielen“ und für das Recht auf Entwicklung aller Kinder und Jugendlichen. Auf dem Plexiglasschaukelbrett ist eine Fotoarbeit gedruckt,  die die verschiedenen Himmel und die real und irreal erscheinende Wirklichkeit abbildet. Durch die Transparenz der Fotoarbeit, werden bei jeder Betrachtung  Richtung Himmel, neue Bilder sichtbar. Die Frage, wie der Himmel damals über dem KZ Mauthausen war, drängt sich auf.

Sockel

5 Stein- Glas- und Terrakottamosaikplatten

0,50 x 0,50 x 50 cm Betonsockeln

Am  Boden auf dem die Figur aufsitzt, sind Mosaiksymbole angebracht, die an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus erinnern: die weiße Rose, die linke Hand zu einer Faust geformt und die drei roten Pfeile.

Zwei neue Zeichen des Widerstandes sind ebenfalls in Mosaik gestaltet: die erhobene Stop-signalisierende Hand, dem europäischen Zeichen gegen Rassismus und Gewalt. Das zweite zeitgenössische Widerstandssymbol, die Pfeife – auch fixer Bestandteil von Demonstrationen, durfte aufgrund politischer Interventionen nicht angebracht werden. Der dafür vorgesehene Betonsockel musste leer bleiben.

2 Plexiglastafeln

0,50 x 0,60 Meter. Die Plexiglastafeln sind auf schlichten Betonsockeln montiert. Auf einer Tafel ist ein Text von Kurt Tucholsky gedruckt; auf der anderen Tafel ist eine eingearbeitete Fotoarbeit mit Fußabdrücken und Spuren im Schnee angebracht.

Fundstücke und Symbole aus Speckstein

Rund um den vorderen Teil der Skulptur haben Jugendliche aus Europa, Russland und Amerika, im Rahmen der Jugendbegegnung 2001 an dem Workshop „denk-mal“  teilgenommen und selber Symbole in Speckstein eingemeißelt und auf den dafür vorgesehenen Platz betoniert. Manche haben vom ehemaligen Steinbruch Steine heraufgetragen. Andere, an der Planung oder an der Durchführung Beteiligte,haben persönliche Fundstücke dazugegeben.

Vitrine mit Einwerföffnung

Plexiglas, Aufdruck, 1,20 x 0.40 x 0,40 Meter

Die interaktive Komponente des Denkmales ist die Aufforderung an die BesucherInnen, Murmeln – ein Spielzeug aus der Kindheit - mitzunehmen und sie vor Ort, als Symbol des Gedenkens, in die Vitrine einzuwerfen”Gegen Faschismus, Rassismus, Sexismus” ist auf die Einwerföffnung gedruckt. Die Murmeln geben dem Denkmal die gewünschte Lebendigkeit. In den nächsten Jahren kann mit dem so gesammelten Materialdas Denkmal weitergestaltet werden.

Terrakottamosaike

in Stern- und Dreiecksform, Rund um die Tafel sind Dreiecke aus Mosaik, zur Kennzeichnung der jeweiligen Opfergruppen des KZ, sowie dem Judenstern, in den entsprechenden Farben angebracht.

Aufbau des Denkmals  

Die Aufbauarbeiten des Denkmals im Konzentrationslager waren geprägt von eindrücklichen Erlebnissen, berührenden Begegnungen aber auch von schwierigen Diskussionen und politischer Zensur.

Meine AuftraggeberInnen wünschten sich sechs Symbole des Widerstandes rund um die Denkmalfigur, drei Alte und drei Neue. Meine Wahl viel u.a. auf die Trillerpfeife, als Symbol des neuen Widerstandes.

Österreich war  2001 geprägt von der Schwarz/Blauen Regierung unter Wolfgang Schüssel. Die „Donnerstags-Demonstrationen“ in Wien waren politische Routine. Als das Innenministerium unter Wolfgang Strasser die Baupläne des Kinder- und Jugenddenkmals sah, gab es eine große Empörung, das Ministerium fühlte sich übergangen, es zog große Wellen. Das  führte schließlich dazu, dass das Ministerium einen Baustopp und ein Betretungsverbot für mich verhängte. Das geplante Symbol des neuen Widerstandes, die Trillerpfeife war der Stein des Anstoßens!

Mit einer Materiallieferung stand ich vor dem Tor des Konzentrationslagers. Es hieß, „Sie dürfen die Gedenkstätte nicht betreten, eine Anordnung von ganz oben.“ Der Dame vom Office war es sehr unangenehm und es war absurd, sowas auszusprechen, wo wir doch täglich ein und ausgingen.

Wir waren mitten im Aufbau, die Pflasterung war noch nicht gemacht, die Denkmalfigur aufgebockt, erste Überlebende kamen ins Konzentrationslager … und wir durften nicht auf das Gelände.

Vor diesem schwerwiegenden Vorfall kamen erste BesucherInnen der Befreiungsfeier zu uns ins Gelände, sie erzählten von sich und ihren Angehörigen … und sie fanden sie Idee sehr gut, hier auch den ermordeten Kindern und Jugendlichen zu Gedenken. Einige konnten sich auch noch an Kinder erinnern, die damals in Mauthausen waren. Diese Gespräche und das „Sein am/vor Ort“, wo so viele tausend Menschen qualvoll umgekommen und ermordet wurden, ließen mich tiefer mit diesem speziellen Platz verbinden.

Es war eine sehr schwierige politische Situation die ein schnelles Handeln erforderte. In dieser Zeit hätte ich gerne an kluge JournalistInnen, WissenschaflterInnen, … übergeben, ich war nicht vorbereitet, hatte so etwas bei dieser Arbeit nicht erwartet, die Zeit war knapp und ich musste meine Kraft der Fertigstellung des Denkmals widmen.

Das ok für voller Entscheidungsfreiheit von meinen AuftraggeberInnen, aber auch mit der Entscheidung als Künstlerin alleine gelassen, entschied ich mich, den Sockel für das dafür vorgesehen Terrakottamotiv, Trillerpfeife leer zu lassen, um doch das Denkmals fertig stellen zu können. Die Forderung vom Ministerium den Sockel ganz zu entfernen sind wir nicht nachgekommen, er steht bis heute leer am Denkmalplatz.

Viele BesucherInnen, die zur Befreiungsfeier kamen, hatten Trillerpfeifen mitgebracht und viele davon wurden in die Vitrine am Denkmalplatz eingeworfen, als sichtbares Zeichen. Von einem „Protest Trillerpfeifenkonzert“ haben ich gebeten Abstand zu nehmen. Das Konzentrationslager ist ein spezieller Ort des Gedenkens und Erinnerns und die Befreiungsfeier gehört den Überlebenden. 

Leider wurde der Kubus, wo die (jungen) BesucherInnen kleine Mitbringsel von zu Hause einwerfen konnten, zwei Mal gestohlen. Nach dem 2. Diebstahl wurde er leider nicht mehr aufgebaut.